Rede anlässlich der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ St.Valentin am 10. Mai 2019.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

am 8. Mai 1945, also vor 74 Jahren wurde Österreich vom Nazi-Terrorregime befreit. 3 Tage zuvor, am 5. Mai hat eine Einheit der US-Armee das Konzentrationslager Mauthausen befreit. Unter den Befreiten waren auch Überlebende aus dem KZ St. Valentin, das schon Ende April geräumt wurde.

Der 5. Mai markiert nicht nur den Tag, an dem die überlebenden Häftlinge nach oft jahrelanger KZ-Haft, nach Folter, Qualen und Verzweiflung ihre Freiheit wieder erlangt haben. Er markiert auch den Tag, an dem sie ihre Identität, ihren Namen, wieder zurückbekommen haben.

Was in der Zeit der nationalsozialistischen Propaganda mit der jahrelangen Einteilung in Herren- und Untermenschen begonnen hatte, was sie entmenschlicht und mit Ungeziefer gleichgesetzt hat und es somit erleichtert hat, auf sie hinabzuschauen, sie auszuschließen, ja gegen sie vorzugehen, hat mit der Auslöschung der individuellen Persönlichkeit in den Konzentrationslagern seinen Höhepunkt erreicht. Man hat den Menschen alles genommen. Auch ihren Namen. Sie wurden zu einer schlichten Nummer degradiert. Sie wurden gequält, gefoltert und viele letztlich ermordet.

Gekommen ist das nicht überraschend, nicht von heute auf morgen. Begonnen hat es mit vielen, vielen kleinen Schritten. Jeder zu klein für eine große Empörung, wie Michael Köhlmeier richtig gesagt hat. Und diese vielen kleinen Schritte führten letztlich zum großen Bösen.

Es hat nicht mit Dachau, Auschwitz oder Mauthausen begonnen. Es hat begonnen mit Ausgrenzung, Diskriminierung, Entrechtung und damit, Menschen zu Sündenböcken zu machen. Es hat geendet mit KZ- und Vernichtungslagern, mit Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Ermordung von Millionen von Menschen, von Juden und Jüdinnen, Roma, Sinti, religiös und politisch Andersdenkenden, von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und von Kriegsgefangenen.

Heute erleben wir, dass die Grenzen des politisch Möglichen täglich weiter nach rechts verschoben werden. Dass Menschen und Bevölkerungsgruppen ungeniert gegeneinander ausgespielt werden. Dass das bisher Unsagbare auf einmal laut ausgesprochen wird. Dass das, was vor ein paar Jahren noch unmöglich schien, auf einmal möglich und salonfähig wird. Dass die Pressefreiheit angegriffen und kritische Journalistinnen und Journalisten bedroht werden. Dass sich Minister über den Rechtsstaat stellen und davon sprechen, Asylwerber „konzentriert“ unterbringen zu wollen. Dass jugendliche Asylwerber hinter Stacheldraht gesperrt werden. Dass ein furchtbar verhetzendes rassistisches Ali-Video in den sozialen Medien gespielt oder Schülerinnen und Schüler aufgefordert werden, Lehrerinnen und Lehrer zu denunzieren. Oder dass der Vizekanzler der Republik die Sprache der rechtsextremen Identitären übernimmt und auf Facebook Artikel von Seiten teilt, die auch den Holocaust leugnen.

Ja, dass es sogar wieder so weit kommt, dass Menschen aufs unwürdigste entmenschlicht und als Ratten bezeichnet werden. Wir zählen mittlerweile 62 rechtsextreme, rassistische oder antisemitische Vorfälle einer Regierungspartei seit Regierungsangelobung im Dezember 2017. Und ja, wir haben davor gewarnt, was es heißt, diese Partei in Regierungsverantwortung zu nehmen. Deshalb muss ich hier auch jene in Verantwortung nehmen, die dies zulassen. Die zu Duldern dieser Entwicklung werden. Ja, von dieser Entwicklung profitieren und Schweigekanzler wieder zum Wort des Jahres wird.

Es ist 74 Jahre her. Und ich kann sie schon wieder hören, die vielen Aufforderungen, die Geschichte endlich ruhen zu lassen. „Das hat doch mit uns nichts mehr zu tun.“, „Ich war da ja noch gar nicht geboren.“ oder „Habt ihr immer noch nicht genug, ihr lebt doch in der Vergangenheit, heute interessiert das niemanden mehr“. Wir alle kennen diese Aussagen.

Erst letzte Woche wurde dieHolocaust Knowledge and Awareness Study veröffentlicht, wonach es große Wissenslücken zu diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte gibt. Mehr als die Hälfte der Befragten in Österreich weiß nicht,  dass in der Shoah 6 Millionen Juden und Jüdinnen ermordet wurden. 13 Prozent der jüngeren Befragten glaubt sogar, dass die Zahl der ermordeten Juden und Jüdinnen weit übertrieben ist.

Heute können nur noch wenige Überlebende, wenige ZeitzeugInnen darüber berichten, was sie in den Konzentrationslagern erleben mussten, wie ihre Bettnachbarn, ihre Barackenkollegen zu Tode gefoltert und ermordet wurden. Sie können uns diese ihre Geschichte am Glaubhaftesten vermitteln. Auf absehbare Zeit werden aber auch ihre Stimmen verstummen, werden auch sie uns fehlen.

Ich erinnere hier im Besonderen an die St.Valentinerin Anna Strasser. Sie hat Mut und Menschlichkeit in unmenschlichster Zeit gezeigt. Als junge Frau hat sie miterlebt, wie ihr Arbeitskollege in der Lagerhausgenossenschaft Mauthausen,  Franz Winklehner, von der SS verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt und dort letztlich ermordet wurde, weil er am Bahnhof Mauthausen ankommenden Häftlingen ab und zu Brot und Zigaretten zukommen ließ.

Dennoch hat auch sie Häftlinge an der Bahnhofsrampe Mauthausen unterstützt, ihnen – wissend um die Konsequenzen – Kleinigkeiten wie Brot, Salz, Zucker, Käse, Zwirn, Nadeln, Knöpfe usw. zukommen lassen. Dies tat sie auch weiter, als sie bereits ins Nibelungenwerk St.Valentin dienstverpflichtet wurde, hat hier unter anderem Menschen Medikamente zukommen lassen, was ihnen vielleicht das Leben gerettet hat. Anna Strasser wollte helfen, schloss sich anderen an, leistete Widerstand und wurde dafür letztlich verhaftet und bis zur Befreiung im Mai 1945 eingesperrt.

Ich verneige mich mit größtem Respekt vor Menschen, wie Anna Strasser. Sie konnte und wollte nicht wegsehen. Sie konnte und wollte das was sie jeden Tag sah, was sie erlebte, nicht einfach erdulden. Sie wollte etwas tun, sie wollte helfen. Sie wollte ihre Menschlichkeit nicht verlieren. Ich habe Anna Strasser leider nie persönlich kennen gelernt. Sie ist 2010 verstorben.

Lassen wir nicht zu, dass sich langsam der Mantel des Schweigens über diese dunkle Zeit ausbreitet. Lassen wir nicht zu dass ihre Geschichte, die Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verblassen. Lassen wir nicht zu, dass das, was sie erlebt, ja überlebt haben, in Vergessenheit gerät.

Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Generationen der Nachgeborenen, ihre Geschichten am Leben zu erhalten, sie weiter zu erzählen. Ja, wir müssen ihre Geschichten adoptieren,

wissend, dass wir uns – zum Glück – nicht vorstellen können, welche Qualen sie erleben mussten, welche Ängste sie ausgestanden haben, welche Kräfte sie aufwenden mussten um, diese Zeit zu überstehen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass nicht in Vergessenheit gerät, was sich vor einem Dreiviertel-Jahrhundert in Europa zugetragen hat.

„Sorgen wir dafür, dass sich derartiges nicht wiederholt!“ schreibt Anna Strasser. Und weiter: „Sorgen wir dafür, dass die Freiheit und Würde des Menschen nicht wieder mit Füssen getreten wird.“

Sehr geehrte Damen und Herren, niemand von uns – die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ausgenommen – kann mit Gewissheit die Frage beantworten „Was hättest du getan?“ Niemand von uns weiß, wie er oder sie sich verhalten hätte, ob er oder sie den unendlichen Mut von Anna Strasser aufgebracht hätte, unter Bedrohung des eigenen Lebens Widerstand zu leisten, nicht wegzuschauen. Niemand kann auf diese Frage eine eindeutige Antwort geben.

Aber wie antworten wir auf die Frage, was wir heute tun? Diese Frage können wir uns täglich neu stellen. Heute ist unser Leben nicht bedroht, wenn wir hinsehen, wenn wir aufstehen, wenn wir laut sind, uns einmischen und Widerstand leisten. Auf das, was wir heute kommt es an!

Zu tun gibt es genug. Lassen wir uns nicht aufhalten von jenen, die glauben, sie könnten uns alleine durch den Gebrauch des Wortes „Gutmensch“ beleidigen. Was ist das überhaupt für eine Zeit, in der Gutmensch als Schimpfwort gebraucht wird? Ganz im Gegenteil. Gerade diese Zeit braucht viele Gutmenschen, die nicht die Ellenbogen ausfahren und sich einzig um ihr eigenes Umfeld kümmern. Menschen, die sich für ein solidarisches Miteinander engagieren und sich dafür einsetzen, dass Menschen in Not geholfen wird und die nicht tatenlos zusehen wollen, wenn vor den Küsten Europas Menschen ertrinken, während hier laut „Grenzen dicht!“ gerufen wird. Wir sind gerne Gutmenschen und wir sind stolz darauf.  Wir wollen uns auch morgen noch in den Spiegel schauen können.

„‘Wehret den Anfängen‘ istlängst überholt! Wir sind mittendrin!“, sagt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano. Und sie hat Recht, es waren schon viel zu viele Schritte, in eine Richtung, die wir nie mehr gehen wollten. Dennoch, wir sind heute um unser Geschichtswissen reicher. Nutzen wir das in unserer täglichen Arbeit, lassen wir nicht zu, dass es noch einmal so weit kommt. Empören wir uns jedes Mal aufs Neue, weil diese Entwicklung unsere Empörung braucht. Schauen wir hin, stehen wir gemeinsam auf und sind wir laut, wenn es uns braucht. Niemals Nummer – immer Mensch. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Danke.

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