Was heißt: aus der Geschichte lernen?
von
Michael Köhlmeier

Rede bei der Gedenkveranstaltung „Mensch bleiben“ am 1. Februar 2019 in Mauthausen in Erinnerung an die so genannte „Mühlviertler Hasenjagd“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Mai 1789 hielt der gerade dreißigjährige Friedrich Schiller an der Universität Jena seine Antrittsvorlesung im Fachbereich Geschichte. Sie trug den Titel: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Er kam zu dem Ergebnis, dass Philosophie – also die Liebe zum Wahren, Guten und Schönen – das Studium der Geschichte voraussetze. Unter Universalgeschichte solle nicht nur Weltgeschichte verstanden werden, also dass wir uns kundig machen, was auch anderswo geschah und wie die verschiedenen geschichtlichen Verläufe aufeinander wirkten und bis heute wirken, sondern auch und vor allem die Geschichte der verschiedenen Disziplinen, sei es nun die politische, wirtschaftliche und soziale Geschichte der verschiedenen Völker und Nationen oder die Geschichte der Kunst, Literatur, Musik – oder, füge ich hinzu und betone: die Geschichte der Ethik. Denn auch, wie wir miteinander umgehen und umgehen sollen, hat eine Geschichte.

Wir haben in den letzten Jahrhunderten ein ethisches Menschenbild in unserem Europa geschaffen, das vom Judentum, vom Christentum und von der Aufklärung geprägt ist. Wobei wir dieses Bild als eine Synthese sehen müssen, eine bemerkenswerte Synthese aus Religion und Aufklärung, Weltanschauungen, die vor gar nicht so langer Zeit noch als Antagonisten antraten. Christliche Ethik und aufgeklärte Ethik sind heute keine Gegensätze mehr; es ist denkbar, dass Papst Franziskus Immanuel Kant zitiert. Moses Mendelssohn war Jude, seine aufgeklärten Lehren beeindruckten schon Lessing so tief, dass der Philosoph ihm als Vorbild der titelgebenden Figur in Nathan der Weise diente. Im Unterschied zu anderen Geschichtsverläufen, die allein mit der Ambition studiert werden können, mehr zu wissen, also möglichst viele Fakten anzuhäufen, muss das Ziel einer Geschichte der Ethik über das faktische Wissen hinausweisen – und das meint: aus der Geschichte lernen.

Nämlich lernen, wie wir es besser machen sollen. Nämlich lernen, wie wir Fehler vermeiden sollen. Zum Beispiel lernen, was zu tun und zu lassen ist, damit Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Bergen-Belsen, Mauthausen und so viele andere Tore zu der Hölle, die von Menschen gemacht ist, in der Geschichte singulär bleiben.

Wenn junge Menschen heute die Gedenkstätte in Mauthausen besuchen, ist es schwer, ihnen zu vermitteln, dass diese Gräuel tatsächlich geschehen und nicht Plot eines Computerspiels sind. Wenn ihnen erzählt wird, dass tatsächlich Millionen Menschen in Tötungsfabriken ermordet wurden, so mag die erste Reaktion sein, es nicht zu glauben. Weil es eben unglaublich ist. Weil ein junger Mensch, der in unserem Land, in unserem Europa, aufgewachsen ist, nur den Frieden kennt und einen funktionierenden Rechtsstaat. Weil wir uns nicht vorstellen wollen, dass so etwas je geschehen konnte. Weil wir uns nicht vorstellen können, dass es tatsächlich geschah. Und wenn wir uns Hunderte von Dokumentationen ansehen, Dutzende von Büchern lesen, wir können es uns nicht vorstellen.

In seinem Aufsatz Erziehung nach Auschwitz schreibt der Philosoph Theodor W. Adorno:

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“

Und er schreibt weiter:

„(diese Forderung) zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.“

Aber um zu verhindern, dass Auschwitz oder Mauthausen noch einmal sei, müssen wir uns fragen: Wie war das möglich?

Wie hat es geschehen können, dass im letzten Kriegsjahr noch brave Bürger, liebevolle, verantwortungsvolle Familienväter Knüppel und Hauen und Mistgabeln aus der Scheune oder dem Keller holten und sich aufmachten, ein paar hundert aus dem Konzentrationslager Mauthausen geflohene Häftlinge zu jagen, zu hetzen und zu erschlagen? Wie war solche Barbarei möglich?

Der Weg dorthin bestand aus unzählig vielen, winzig kleinen Schritten. Wir können die winzig kleinen Schritte nachvollziehen, die durch das 18. und 19. Jahrhundert trippelten, die immer größer wurden und schneller, bis sie schließlich die Tore von Auschwitz, Treblinka, Majdanek und Mauthausen erreichten. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, Filme gedreht worden, Dokumentationen. Niemand kann heute noch sagen, er wüsste nicht.

Die Geschichte fordert uns auf, auf die winzig kleinen Schritte zu achten, die heute getan werden, und uns zu fragen, ob ihre Spuren in eine ähnliche Richtung weisen. Es beginnt zum Beispiel mit einer kantigen Herabwürdigung einer Menschengruppe. Wenn jemand Flüchtlinge und Migranten als „Erd- und Höhlenmenschen“ bezeichnet, sie also aus der Spezies aussondert. Oder wenn ein anderer, inzwischen Vizekanzler, vorschlägt, rückzuführende Asylanten in Frachtmaschinen zu befördern – Zitat: „Da können sie dann schreien und sich an-urinieren. Da stört’s dann niemanden.“

Ja, ich weiß schon, das sind letztlich nur kleine Flecken auf dem wunderbaren Kolossalgebäude, auf der Kathedrale der jüdischen, christlichen und aufgeklärten Ethik. Zu klein, als dass das große Gute dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Zu unbedeutend scheinen solche Flecken, man braucht sie nicht einmal wegzuputzen, man braucht sich dafür nicht zu schämen oder sich zu entschuldigen. Sie sind keine Schuld, es war ja nur so daher geredet, gar nicht so gemeint, zugespitzt, wer nie etwas Ähnliches gesagt hat, der werfe den ersten Stein. Der nächste winzig kleine Schritt, der nächste winzig kleine Fleck ist dann nicht anders, eben auch winzig, eben auch klein. Und der übernächste Schritt genauso. Wer bei solchen Kleinigkeiten „Halt!“ ruft, läuft Gefahr, als Querulant abgestempelt zu werden, als Spielverderber. Und wer trotzdem nicht aufgibt und immer weiter seine Stimme erhebt, macht sich lächerlich und wird schließlich zu einem Ärgernis, zu einer Peinlichkeit, er wird nicht mehr ernst genommen, ein Narr. Und ist freigegeben für die große anonyme Beschimpfung, den Shitstorm in den sozialen Netzen und den Postings, die im Namen der Freiheit nicht eingedämmt werden.

In der Zeit, als Wilhelm Busch seine unvergleichlichen Verse schrieb, konnte man überall, wirklich überall, kleinere oder größere Niederträchtigkeiten gegen Juden finden. Das hatte Tradition. Über Juden wurde gespottet, manchmal bösartig, manchmal harmlos. Dem bösartigen Spott war übrigens leichter zu begegnen als dem harmlosen.

Kurz die Hose, lang der Rock,
krumm die Nase und der Stock,
Augen schwarz und Seele grau,
Hut nach hinten, Miene schlau.
So ist Schmulchen Schievelbeiner.
(Schöner ist doch unsereiner.)

Dazu zeichnete Wilhelm Busch ein Männchen, krumme große Nase, grinsender Mund – das Buch Plisch und Plum, in dem Schmulchen Schievelbeiner auftritt, datiert aus dem Jahr 1882 –, sechzig Jahre später wurden genau solche Karikaturen in der schlimmsten Nazizeitung Der Stürmer abgedruckt. Hätte jemand dem Wilhelm Busch gesagt, diese Gesinnung, die hinter deinen Versen und Zeichnungen steckt, wird eines Tages ins größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte führen, er wäre empört gewesen, dass ihn jemand jemals in eine solche Tradition wird stellen.

Die großen Schritte hin zum Bösen sind leicht zu erkennen. Als die österreichische Zeitschrift Aula die von den Amerikanern befreiten und umherirrenden Insassen des KZs Mauthausen als „Landplage“ bezeichnete, wusste jeder, der noch halbwegs zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte, dies ist ein großer Schritt hin zur Barbarei. Die meisten Menschen wollen sich nicht mit solch grausamem Zynismus identifizieren.

Über Juden Witze zu reißen und über Juden zu schimpfen, war über das ganze 19. und das ganze 18. Jahrhundert, ja bis ins Mittelalter zurück gesellschaftlicher Standard. Wenn Sie, meine Damen und Herren, sich auf die Suche nach judenfeindlichen Äußerungen begeben, dann werden Sie bei dem großen Aufklärer Immanuel Kant ebenso fündig wie bei den Romantikern Clemens von Brentano und Achim von Arnim, besonders grauslich bei dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der offen von Vernichtung sprach, aber auch bei Karl Marx und in deftigstem frühen Deutsch bei Martin Luther. Die Spur der winzig kleinen oder nur kleinen oder manchmal mittelgroßen Schritte reicht weit in die Vergangenheit zurück. Um so heller strahlen Geister wie Gotthold Ephraim Lessing oder Goethe oder die Brüder Grimm, denen solche Niedertracht nicht nachzuweisen ist.

Irgendwann ist das ehrwürdige Kolossalgebäude der jüdisch-christlichen und aufgeklärten Ethik zugeschmiert von Flecken, so dass es als Tempel des Wahren, Guten und Schönen nicht mehr zu erkennen ist. Und vergessen wird. Dann herrscht freie Bahn für die Barbarei. Und wenn sich die Barbarei ausgetobt hat, stehen wir da, mundoffen, ungläubig, betroffen, streuen uns selbst Asche aufs Haupt, vergießen billige historische Tränen und fragen: Wie konnte das geschehen? Und meinen damit: Wir haben es doch gar nicht bemerkt. Und trösten uns, indem wir mit einem geilen Schaudern im Rücken raunen: Hitler war der Teufel, Himmler war ein Dämon, Eichmann war das personifizierte moderne Böse. Und meinen damit: Von uns kann es nicht kommen. Und meinen damit eigentlich: Von uns Menschen kann es nicht kommen; es kommt von außerhalb, von wo auch immer. Aber auf außerhalb haben wir leider keinen Einfluss. Was geschehen ist, sagen wir, ist im Sinn des Wortes unmenschlich. Und deshalb sei es auch gar nicht so dringend, heute auf irgendwelche winzig keine Schritte besonders Obacht zu geben. Denn der Teufel hat sich verabschiedet, die Dämonen ebenfalls, und das personifizierte Böse – was ist das, ja, was ist das …

Also geben wir nicht Obacht. Aber die winzig kleinen Schritte geschehen doch, die werden doch getan, und wir lassen es geschehen, dass sie sich aneinanderreihen. Weil wir nicht der Narr sein wollen.

Was heißt es, angesichts vom KZ Mauthausen aus der Geschichte zu lernen?

Wir können lernen, was Menschlichkeit ist. Was Mut ist. Wir können erforschen, was gute Menschen getan haben, als sie Menschen auf der Flucht geholfen haben, ihnen zu essen gaben und Kleidung oder sie gar versteckten, und das, obwohl sie damit ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Familie in Todesgefahr brachten. Das waren gute Menschen, und wenn es schon seit längerer Zeit bei uns zynische Mode geworden ist, ein Wort wie „Gutmensch“ zu gebrauchen, um jemanden einen Trottel zu schimpfen oder einen Heuchler, so ist dies einer dieser kleinen Schritte. Ein nächster Schritt ist es, wenn eines der am häufigsten gebrauchten Schimpf- und Spottwörter unter Jugendlichen „du Opfer“ heißt. Ein schon deutlich größerer Schritt hin zum großen Bösen ist getan, wenn ein Mitglied der Bundesregierung davon spricht, Menschen konzentriert zu halten, und ein nächster Schritt, wenn derselbe Mann sagt, man müsse die Menschenrechtskonvention ändern und der gegebenen Situation angleichen, was ja nur so zu verstehen ist, dass künftig unterschieden werden soll zwischen solchen, für die die Menschenrechte gelten, und solchen, für die nicht.

Und dann steht eine Abgeordnete eben dieser Fraktion im Parlament auf und sagt: „Wir werden uns niemals damit abfinden, dass Gesetze und in unserem Handeln behindern.“ – Wer in Österreich politische Verantwortung trägt und dazu schweigt, der darf sich nicht wundern, wenn der Eindruck entsteht, es ist ihm entweder wurscht, oder er ist sogar derselben Meinung oder die Erhaltung seiner Macht ist ihm wichtiger als die Verteidigung des Rechtsstaates.

Ein anderer Schritt, und ich meine, kein kleiner, ist die Denunzierung der Hilfe für Hilfsbedürftige. Eine Freundin sagte kürzlich zu mir, manchmal könnte man meinen, zu helfen komme bei uns schon einem Landesverrat gleich. Große Publizität gewann diese Diffamierung des Mitleids, als unser Bundeskanzler vom „NGO-Wahnsinn“ sprach. Indirekt, inzwischen sogar direkt, gibt er den Helfern die Schuld, wenn Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken. Das ist ein kräftiger Schritt.

Ich weiß schon, was jetzt folgt. Er packt die Faschismuskeule aus. So wird es heißen. Es sei eine Ungeheuerlichkeit, Tendenzen in der heutigen Flüchtlings- und Einwandererdebatte mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen. So wird es heißen. Die Auschwitzkeule – was für ein böses Wort! Keine Diskussion über dieses Thema, bei der dieser Begriff nicht fällt.

Aber Vergleichen, meine Damen und Herren, ist nicht Gleichsetzen. Niemand, der seine Tassen im Schrank hat, setzt mit den Nazis auch nur irgendetwas gleich.

Wie geht Aus-der-Geschichte-Lernen? Wie soll man aus der Geschichte lernen, wenn man heute nicht mit damals vergleichen soll? Wieder haben wir es mit einem kleinen, einem winzig kleinen Schritt zu tun. Indem ich Vergleichen und Gleichsetzen nicht voneinander unterscheide, sondern als Synonyme verwende, unterbinde ich letztlich jedes Lernen aus der Geschichte. Wenn wir nicht vergleichen dürfen, dann hat die Geschichte nichts mit uns zu tun. Dann ist sie einfach für sich interessant oder uninteressant, aber ohne Bedeutung. Wer uns das Vergleichen verbieten will, der will uns verbieten, aus der Geschichte zu lernen.

Ich frage mich, was hat brave Bürger, liebevolle, verantwortungsvolle Familienväter dazu gebracht, hilflose, halb verhungerte, halb erfrorene Menschen zu hetzen und zu erschlagen, ihre Füße zusammenzubinden und die Leiber hinten an den Traktor zu hängen – eine Zeitzeugin erzählte, die Straße vor ihrem Haus sei eine Blutstraße gewesen.

Wenn ich versuche, mich mit den Tätern von damals zu vergleichen, mich in einen von ihnen hineinzuversetzen, dann muss ich mir zunächst die Frage stellen: Was war solchen schauerlichen Taten vorausgegangen? Was ist mit mir geschehen? Was habe ich mit mir geschehen lassen, dass ich zu solchen Taten fähig bin?

Die Wissenschaft hat sich mit diesen Fragen beschäftigt, die Psychologie, die Philosophie, die Theologie, die Anthropologie – was ist dabei herausgekommen? Zwei Voraussetzungen braucht es. Nur zwei. Erstens: Ich muss bedingungslos einer Autorität glauben. Zweitens: Dem Opfer muss jedes Menschsein abgesprochen werden.

Eine bedingungslose Autoritätshörigkeit wie damals gibt es heute als gesamtgesellschaftliches Phänomen nicht. Was nicht heißt, dieses Phänomen wäre für immer aus unserer Zeit und unserem Land – und aus unseren Herzen – verschwunden.

Bis Menschen das Menschsein abgesprochen wird, dazu ist ein langer Prozess nötig, ein Prozess, der eben wieder in kleinen winzigen Schritten vor sich geht. Wenn heute die Caritas diffamiert wird, wenn dieser wunderbaren Organisation, ohne die in Österreich Zivilisation nicht möglich wäre, Profitgier unterstellt wird, dann ist das so ein Schritt, und diesmal ist es bei Gott kein kleiner.

Die Absicht ist klar: Die Mitmenschlichkeit soll in Verruf gebracht werden. Wo das Mitleid diskreditiert und lächerlich gemacht wird, dort ist der nächste Schritt, anzudeuten oder gleich zu behaupten, jene, denen du dein Mitleid geben willst, die verdienen es nicht, und der übernächste Schritt kann bereits sein, jenen, die das Mitleid nicht verdienen, das Menschsein abzusprechen. Das darf man nicht zulassen. Das darf nicht geschehen!

Schopenhauer sah im Mitleid die Grundlage aller Moral, ohne die ein zivilisiertes Zusammenleben nicht möglich sei. Mitleid setzt voraus, mich in einen anderen Menschen als ein leidesfähiges Wesen hineinzuversetzen. Schopenhauer bezeichnet das Mitleid als die einzige Form der Liebe, die nicht auf Selbstsucht gründet. Und dennoch sei Mitleid nicht ein Gefühl, das von uns weg weist oder gar unsere eigenen Interessen verleugnet.

Schopenhauer schrieb:

„Wenn wir nicht durch eigene, sondern durch fremde Leiden zum Weinen bewegt werden, so geschieht dies dadurch, daß wir uns in der Phantasie lebhaft an die Stelle des Leidenden versetzen oder auch in seinem Schicksal das Los der ganzen Menschheit und folglich vor allem unser eigenes erblicken und also durch einen weiten Umweg immer doch wieder über uns selbst weinen, Mitleid mit uns selbst empfinden.“

Wir sind Teil der Geschichte, ob wir das wollen oder nicht, und wenn Unrecht und Grauen in vergangenen Zeiten uns nicht mehr als Schuld angelastet werden können, weil wir damals noch nicht auf der Welt waren, so tragen wir dennoch Verantwortung; eine Verantwortung, die daran besteht, aus der Geschichte zu lernen und uns von niemandem einreden zu lassen, dies könne geschehen, ohne heute mit damals zu vergleichen.

Vielleicht in Anlehnung an Friedrich Schillers Antrittsvorlesung an der Universität Jena sagte der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas 1994 in seinem Vortrag bei der Evangelischen Akademie in Wittenberg:

„Aus der Geschichte lernen? Das ist eine jener Fragen, auf die es theoretisch befriedigende Antworten nicht gibt. Die Geschichte mag allenfalls eine kritische Lehrmeisterin sein, die uns sagt, wie wir es nicht machen sollen. Als solche meldet sie sich freilich nur zu Wort, wenn wir uns eingestehen, dass wir versagt haben. Um aus der Geschichte zu lernen, dürfen wir ungelöste Probleme nicht wegschieben und verdrängen; wir müssen uns für kritische Erfahrungen offenhalten …“

Und Habermas fährt fort und endet:

Wir dürfen uns „gegen Lehren aus der Geschichte nicht immunisieren.“

Eine Immunisierung, meine sehr verehrten Damen und Herren, findet statt, wenn wir die kleinen Schritte, mit denen Geschichte vorwärts geht, nicht mehr wahrnehmen, und wenn wir uns verbieten, heute mit damals zu vergleichen, weil wir uns haben einreden lassen, Vergleichen sei identisch mit Gleichsetzen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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